Kapitel 4: Mein Blick ins Verlagswesen oder Mythos Unaufgefordert eingesandtes Manuskript

Jeden Morgen, wenn ich die letzten 350 Meter von meiner U-Bahn-Station bis zum Hauptgebäude gehe, komme ich an einem Haus vorbei, in dessen Vorgarten (zur Straße hin) sich der Lavendel geradezu stapelt und sich die langen Hälse mit schweren Blütenköpfen Richtung Bürgersteig biegen. Kurz danach gibt es eine Stelle, an der mehrere Mülltonnen stehen und, besonders jetzt während der heißen Tage, bestialisch stinken. Also strecke ich, wenn ich auf Höhe des Lavendelvorgartens komme, meine Hand aus, lasse die Finger durch die Lavendelköpfe gleiten, und dann halte ich sie mir an die Nase, während ich an den übel riechenden Tonnen vorbeihusche. Der Lavendelgeruch hängt bis zum Abend an meinen Fingerspitzen.

Sehr überraschend wurde mir diesen Sommer ein Praktikum in einem Verlag angeboten. Ich habe natürlich zugesagt. Der Verlag liegt nicht direkt dort, wo ich derzeit wohne, aber meine Eltern leben eine Zugstunde entfernt, also komme ich für den Sommer dort unter und habe zudem die Chance, meinen Bruder wieder ein wenig zu ärgern, der auch derzeit seine letzten Monate hier verbringt, ehe er Computervisualistik studiert.

Mein Navigationsgerät wollte allerdings nicht wie ich, meinen ersten Arbeitstag trat ich also 15 Minuten zu spät an, aber ich lernte schnell, dass nicht nur die übermäßige Sorge und Panik unnötig waren, sondern auch meine fast übertrieben feine Kleidung. Hier arbeiten Künstler. Das alles sind kreative Köpfe, so der Eindruck, die arbeiten, wie sie sich fühlen: frei. Es ist ein wenig so, als habe man die Hipster meiner Uni gut vermischt mit zwei frischen Geschäftspersonen, die die Dinge plötzlich ernst nehmen. Heraus kommt die bunte Mischung aus Menschen, auch das Verhältnis ist hildesheimmäßig: 16 Frauen, 4 Männer, zwei davon Praktikanten.

Am nächsten Morgen wagte ich, mit dem Zug zu fahren. Dauert ein wenig länger, kann aber mit Lesen, Schreiben und Gameboy spielen verbracht werden. Außerdem spart man sich den nervenaufreibenden Rückweg am Nachmittag, während der Rush-Hour. Da steigt man nämlich besser aus dem Auto aus und geht zu Fuß. Ist schneller. Und schont die Umwelt.

Vor Ort suchte ich dann doch lange nach der Buslinie 16, die, wie mir ein treuer Bahnmitarbeiter versicherte, gleich vor dem Ausgang abfahren sollte. Ich fand einige Busse, die transportierten aber nur Mallorca-Reisegruppen der Sorte „Schau, wir tragen alle T-Shirts mit dem selben doofen Spruch drauf , damit wir uns im Vollsuff wiedererkennen“ Richtung Flughafen, oder arme ältere Herrschaften zur Kaffeefahrt in ein Mittelgebirge ihrer Wahl. Nein Danke.

Linie 16 war letztendlich kein Bus, sondern eine U-Bahn. Na super, danke, treuer Bahnmitarbeiter. War dumm, merkste selbst. Ich kam wieder eher so semipünktlich. Dafür blieb ich, dank schlechtem Gewissen, abends was länger. Man muss ja an seine Karmabilanz denken.

Der Rest der Woche verlief dafür umso großartiger. Es gibt nicht nur eine gute Kantine, in der man sich wundert, wo all die hunderte von Menschen her kommen, sind wir im Verlag selbst doch höchstens 25. Nein, besser noch. Das besondere Schmankerl des Verlages ist das Zimmer, in dem die Praktikanten der verschiedenen Bereiche beisammen sitzen: Das Archiv. Ein Raum voller Bücher, der so riecht, wie man es sich vorstellt, herrlich. Die Regale stehen voll mit verlagseigenen Romane, Kunstalben und Sachbüchern, darunter stehen Kisten und Kartons, gefüllt mit Leseexemplaren der Herbstkollektion, die wir an Journalisten zwecks Rezension schicken. In diversen Schubladen und weiteren versteckten Schränkchen noch mehr Bücher, dann Umschläge, Klebestreifen, Stifte und Kalender. In der Luft der Duft von Druckerschwärze und Buchbindeleim. An so einem Ort würde ich sterben wollen. Also, irgendwann mal.

Als Praktikantin des Bereichs Lektorat kommt mir vor allen Dingen eine Aufgabe zu, die ich noch fröhlich und motiviert wie ein Geschenke auspackendes Kind an Weihnachten ausführe: Unaufgefordert eingesandte Manuskripte lesen und begutachten. Hihihi. Das ist wirklich großartig. Denn 99% von denen sind schlichtweg ganz, ganz, ganz, ganz schlecht. Ehrlich wahr. Das ist ein bisschen wie DSDS. Man fragt sich, welcher Verwandte, Bekannte oder Freund den jeweiligen Personen ein Talent bestätigt hat. Das klingt jetzt hart, aber so ist nun mal. Ich bin noch immer der Meinung, jeder sollte schreiben, wenn er will. Kann ja auch jeder singen, wie er mag, am besten laut unter der Dusche oder im Auto. Aber bitte, dadurch ist man noch lange kein Nobelpreisträger oder Rockstar. Man muss wissen, wann Schluss ist. Und wann ein Secret Talent lieber Secret bleibt.

Noch aber amüsieren mich die meisten der Texte, und ich widme ihnen tatsächlich meist mehr als zehn Minuten pro Manuskript. Ich bin gespannt, wie weit meine Motivation gegen Ende sinkt.

Dies ist vielleicht auch der Zeitpunkt, um mit einem Mythos aufzuräumen, an den ich aufgehört habe zu glauben, als ich anfing Kreatives Schreiben zu studieren. Der Mythos des unaufgefordert eingesandten Manuskripts. Viele Jungautoren oder Hobbyschriftsteller glauben, in einem Stapel Papier entdeckt zu werden. Sie denken, wenn sie ihren Roman an einen Verlag schicken, landet dieser sofort beim Lektor, der sich lange und ausführlich damit befasst, und dann das unglaubliche Potenzial des Gelesenen begreift. Zack. Weltliteratur. Millionenauflage. Nobelpreis. Reichtum.

Nette Idee. Ist aber leider nicht drinnen. Das passiert nicht, und wenn, dann vielleicht ein, zweimal in der gesamten Geschichte eines Verlages. Und die Chancen schwinden von Jahr zu Jahr. Hier kommen etwa zehn Manuskripte pro Tag rein! Das dürft ihr schön auf eine Woche und ein Jahr hochrechnen. Wer soll das alles lesen? Wer soll sich intensiv mit jedem Text befassen? Um dennoch wenigstens einmal kurz in alles reinzusehen (man weiß ja nie!) haben wir ein einfaches System.

Zunächst lese ich das Exposé, sprich die genaue Zusammenfassung des Romans, von ersten bis zum letzten Kapitel. Hat der Roman kein Exposé, dann wandert er sofort in die Tonne. Tut mir ja auch Leid. Jetzt zumindest noch. Überzeugt mich die Geschichte im Exposé, wenigstens ein wenig, dann lese ich die ersten Seiten der Leseprobe. Meistens jedoch landet der Roman nach dem Exposé ebenfalls im Papierkorb.

Nicht alles fällt durch die Probe durch. Genauer schauen wir hin bei Autoren, die bereits veröffentlicht haben. Bei Abgängern oder Noch-Studenten der vier deutschsprachigen Schreibschulen (Hildesheim, Leipzig, Wien, Biel). Menschen mit einer medialen Vorgeschichte, also Wettbewerbsgewinner, Leute aus Film und Fernsehen, Journalisten. Und natürlich, und das ist einer der wenigen offensiven Wege ins Verlagswesen, die Texte, die Literaturagenten uns von Klienten schicken. Denn da wurde bereits eine Vorauswahl getroffen, das nimmt uns Arbeit ab, und garantiert immerhin ein gewisses Niveau. Auch das klingt hart. Aber nun.

Die wirklich interessanten Manuskripte landen dann später wieder auf meinem Tisch. Ich soll Gutachten erstellen, das heißt: Die Leseprobe vollständig lesen, den Inhalt für die Lektoren zusammen stellen und vor allen Dingen Sprache und Machart bewerten und einen Tipp angeben, ob sich eine Veröffentlichung lohne, in welcher Art und wieso. Das ist viel Vertrauen, was sie da in einen Praktikanten legen, aber gut, wir sind ja auch nicht irgendwer, sondern werden schon nach Lebenslauf und Vorgeschichte ausgewählt. Einer Kreativen Schreiberin also trauen sie zu, ein solches Gutachten zu verfassen. Finde ich persönlich klasse. Danke dafür!

Im Grunde also lese und schreibe ich den ganzen Tag. Großartig! Ich sitze noch mit den Presse- und Vertriebspraktikanten im Archiv, manchmal lesen wir uns die besten Stellen aus Romanen, lustige Emailanfragen oder neuste Rezensionen und Zeitungsberichte gegenseitig vor. Wir lachen und bewundern gleichermaßen.

Die Türen aller Büros stehen offen. Immer wieder, besonders im Archiv, kommen Mitarbeiter der anderen Bereiche, wie Werbung, E-Book oder Lektorat, zu uns. Manchmal bringen sie Neuigkeiten, erzählen von guten Kritiken unserer Bücher oder von Feedbacks der ausländischen Autoren zum deutschen Cover. Und immer hat man den Eindruck: Hier hat jeder an den Büchern gearbeitet, und daher wird jedem Bescheid gesagt. Als wären hier alle Eltern derselben Kinder, die gerade die 100 Meter Sprint bei den Bundesjugendspielen absolvieren und gewinnen- oder straucheln. Nicht nur dem Autor gehört dieser Nachwuchs, für den alle mitfiebern. Hier hängen wirklich alle drinnen. Ein schönes Gefühl, was dazu führt, dass ich schon jetzt das Wir und Unser benutze, wenn ich von Geschehnissen auf der Arbeit erzähle. „Wir bringen im Herbst folgende Bücher“, „Die Presse fand unser Cover großartig.“

Verlagswesen also. Da muss man erst einmal reinkommen, und da guckt man als Arbeitsgeber schon mal hin, wenn das auf dem Lebenslauf steht. Ich bin dankbar dafür, dass ich hier sein darf. Und am liebsten würde ich nach den acht Wochen einfach bleiben. Einfach nach dem letzten Wochenende wieder kommen und die Arbeit weiter machen. Vielleicht merkt es keiner. Und vielleicht bezahlen sie mich irgendwann.

Bezahlt werden fürs Lesen. Was ein Lebenstraum.

Bis dahin heißt es: Eindruck machen. Wer einmal den Fuß in der Türe zum Verlagswesen hat, der sollte sich hüten, ihn wieder rauszuziehen. Lieber den zweiten nachschieben. Und dann die Ellbogen! Denn sonst ist Schicht im Schacht. Oder um es mit dem Titel eines Romans zu beschreiben, der immerhin die ganzen zehn Minuten Aufmerksamkeit bekam, ehe er in der Ablage P wie Papierkorb landete:

Bullshit Trara.