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Kapitel 1: Schreibwettbewerbe oder „Vielleicht hab ich da noch einen alten Text…“

Schreibwettbewerbe. Das BAFÖG der angehenden Schreiber. Man schickt seine Bewerbung in Form eines Textes ein und hofft auf ein bisschen Kleingeld. Man munkelt, manche Autoren bräuchten das, um zu überleben…

Das Klischee des armen Schriftstellers hält sich hartnäckig, und das trotz Erfolgsgeschichten wie die der Sozialhilfeempfängerin J.K. Rowling, die sich mit „Harry Potter“ in die Top 5 der reichsten Frauen Englands schrieb. Für uns Normalsterbliche bleiben aber zunächst nur Wettbewerbe und Literaturmagazine, an die wir unsere Texte schicken, in der Hoffnung, wenigstens den Trostpreis oder eine Veröffentlichung zu ergattern.

Und so sammelt man als angehender Schriftsteller Preise, große und kleine, und Veröffentlichungen in Anthologien und Uniprojekten, nur, um sich das stolz auf den Lebenslauf zu schreiben. Je mehr, desto besser. Denn auch im Literaturbetrieb gibt es das große Arbeitsparadoxon. Um arbeiten zu dürfen, brauchst du Erfahrung. Um Erfahrung zu sammeln, brauchst du Arbeit. Zack. Zwickmühle.

Als Autor bewirbt man sich ja nirgendwo, man schreibt ja nicht an eine Firma und bietet seine Dienste an. „Ja, hallo. Ich schreibe. Wirklich. Ich kann ihnen auch direkt ein paar Zeilen verfassen, wenn sie wollen. Ich koste auch nicht viel.“ Passiert nicht. Leider.

Also pendeln wir von Wettbewerb zu Wettbewerb und hoffen, dass sich irgendwann jemand an uns erinnert. Unser Gesicht erkennt, oder im besseren Fall, unsere Schreibe. Im Literaturbetrieb meldest du dich nicht bei den Verlagen, die Verlage melden sich bei dir. „Wir rufen Sie an.“ Wenn man Glück hat, passiert das. Dann klingelt nach einem Wettbewerb oder einer Veröffentlichung in einem Magazin das Telefon, am anderen Ende eine Stimme, die freundlich nachfragt, ob man zufällig einen Roman in der Schublade übrig hätte. Zu diesem Zeitpunkt sagt man besser ja. Auch wenn das bedeutet, dass man sich in den nächsten 72 Stunden ein Manuskript aus den Fingern saugen muss. Denn sagt man nein, dann legt die Stimme auf. Und vergisst dich. Und zwar so lange, bis sie dich auf dem nächsten Wettbewerb, zu dem du das Glück hattest, eingeladen zu werden, wiedererkennt. „Hey, sind wir uns schon einmal begegnet?“

Als Schreiber abonniert man, wenn man sein Gewissen beruhigen will, einen Newsletter, der einem einmal in der Woche die aktuellen Schreibwettbewerbe schickt, mit Fristen und Preisgeldern und Themen. Ich persönlich habe den Uschtrin-Newsletter wöchentlich in meinem Emailfach liegen, und kann ihn nur empfehlen.

Und dann beginnt der ewige Tanz. Zuerst überspringt man die Wettbewerbe, die zu wenig Geld geben, weil man sich einbildet, das nicht nötig zu haben. Dann sortiert man grob nach Genre, denn was soll man in einem Krimiwettbewerb, wenn man niemals auch nur ansatzweise einen verfasst hat, und wie soll man den Lyrikpreis gewinnen, wenn man kein Poet ist? Manchmal geben Wettbewerbe Themen vor. Das reicht von frei interpretierbar („Oben“) bis hin zu rätselhaft („Über den Rand“). Im Prinzip sind das nur Vorschläge, in Wirklichkeit kann man jeden Text so biegen, dass er irgendwie in die Thematik passt. „Vielleicht hab ich da noch einen alten Text…“

Man schreibt sich dann brav die Deadline auf einen Zettel und klebt ihn oben an den Bildschirm seines Computers, damit man es ja nicht vergisst, aber „Ach, das sind ja noch vier Wochen, unglaublich viel Zeit, mir fällt sicher was ein“. Klar. Ich glaube mir das selbst, jedes Mal.

Drei Wochen und fünf Tage später. Wir finden den Zettel mit der Deadline zufällig beim Staubsaugen unter dem Schreibtischbeistellschränkchen mit Rollen. Wir fühlen uns wie ein Archäologe, als wir den Staub von den Buchstaben wischen und versuchen, die antike Schrift zu entziffern. Und dann dämmert es uns. Der Wettbewerb! Unser Tor in die Verlagswelt! Unsere Chance auf ein wenig Geld, um die Studiengebühren für das nächste Semester zu finanzieren. Freiheit, Unabhängigkeit!

Und dann sitzen wir vor dem leeren Blatt Papier und versuchen, uns einen Text aus den Fingern zu saugen, quasi Last Minute Literatur, Resteschreiben. Das gelingt nur selten, mir zumindest. Manchmal, das Wort meines Lebens.

Dabei gehöre ich persönlich zu den Entdeckungen eines Schreibwettbewerbs. Mit 13 schrieb ich gerne für mich selbst und für meine Mutter, natürlich. Ich dachte nie daran, etwas zu gewinnen oder meine Texte einem Publikum zu zeigen. Ich war furchtbar schlecht in Mathe und Chemie, und den Leuten dann auch noch meine Texte aufzuzwingen, schien irgendwie unverschämt.

Und dann sandte meine Mutter einen meiner Texte an zwei Wettbewerbe, einem deutschlandweitem, einem regionalem, hinter meinem Rücken, und beichtete es mir per Email. Man war ich sauer.

Ich wurde 3. in dem nationalen, und 1. in dem regionalen Wettbewerb. Ich lernte den Kinder- und Jugendbuchautoren Stefan Gemmel kennen. Ich veröffentlichte in Anthologien und Magazinen. Ich verfasste im Auftrag einer Theatergruppe das Stück „Robin Hood“. Ups. Sorry, Mum. Danke, Mum.

Seit dem schreibe ich nicht mehr nur für mich. Ich ärgerte mich nicht mehr länger darüber, dass ich kläglich in Mathe und Chemie versagte, sondern konzentrierte mich mehr aufs Schreiben. Nach dem Abitur bewarb ich mich für den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ und hier bin ich nun. 6. Semester. Fast-Bachlor.

Aber ich kämpfe immer noch, mit mir und mit dem Literaturbetrieb. Ich bin mit meinem Fuß schon halb im Zimmer, ich habe schon mal gewunken und Hallo gesagt, und trotzdem drückt man von der anderen Seite  gegen die Türe. Als Autorin darf man nie aufhören, sich reinzudrängen. Man muss manchmal unverschämt sein, und laut. Man muss winken und mit den Händen wedeln, damit man bemerkt wird. Und wenn man das zu Hause an seinem Schreibtisch tut, dann sieht das nicht nur dämlich aus, es kriegt natürlich auch keiner mit.

Vor einigen Wochen habe ich endlich, nach fast zwei Jahren, wieder an einem Wettbewerb teilgenommen. Es war ein Edgar Allen Poe- Wettbewerb, und da ich diesen Mann ein ganz klein wenig vergöttere und meine frühen Texte immerhin thematisch an ihn erinnern, habe ich es als meine seelische Pflicht angesehen, wenigstens einen Text einzusenden. Ich habe noch nichts von denen gehört, außer, dass mein Text irgendwann einmal ankam. „Danke Schön für Ihren Beitrag. Wie melden uns bei Ihnen.“ Vielleicht verschwindet der Wettbewerb auch im Nether, auf Nimmerwiedersehen, es war wirklich nur ein kleiner. Aber trotzdem habe ich was weggeschickt, und das ist gut so. Das ist wirklich gut so.

Nächste Woche, am 10. Juli, ist die Deadline zum 20.Open Mic, dem größten Wettbewerb für junge, deutschsprachige Literatur. Und groß bezieht sich dabei nicht nur auf das Preisgeld von insgesamt 7.500 €, sondern auch auf die Reputation, auf die Menschen, die da sein und ganz genau hinsehen werden.

Ich habe noch keinen Text. Natürlich. Um mich herum wedeln meine Mitstudierenden mit ihren Geschichten und brüllen „Hier, mein Open Mic Text, lest ihn, lest ihn nicht, egal, er ist fertig, er existiert!“ Soweit bin ich noch nicht. Aber diesmal krieg ich’s hin, bestimmt. Ich ignoriere einfach die Tatsache, dass sich mir, neben meiner fehlenden Motivation, eine weitere Tatsache in den Weg wirft: Beim Open Mic gewinnen nur Texte von der Art, die ich nicht schreibe und schreiben kann. Aber wer wird denn gleich aufgeben.

Daher werde ich mir einen Text aus den Fingern saugen, irgendwie, wahrscheinlich nachts zwischen 2 und 6 Uhr morgens, wenn die ersten Busse wieder fahren. Und wenn er dann mal weg ist, werde ich mich ärgern, dass ich erst so spät angefangen habe, und der Text zu roh, zu unfertig, zu doof, zu komisch ist. Aber ich werde auch ein bisschen stolz sein, dass ich wieder was raus geschickt habe. Denn seien wir ehrlich. Ich bin ja manchmal naiv, aber dass sich ein Verleger in meine Wohnung verirrt, ist eventuell doch ein wenig unwahrscheinlich.

Und dabei ist mein Balkon ja nicht mal einstiegssicher.

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Über catroofdance

Creative Writer. Gamer Girl. Mad. Wearing animal hats. Sleeping with books and paper. Obsessive.

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